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Erntedank - wofür?

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261004PC Erntedank – was ist das denn?

Mensch Mahler am 04.10.2026


Wir schreiben das Jahr 1940. In Ostpreußen wird die Ernte eingefahren. Da Erntehelfer immer knapp sind, beordert die NSDAP Studenten aus Berlin in die ländlichen Gebiete, um beim Einbringen der Ernte zu helfen. Nach der harten Arbeit wird die Tenne gefegt. Die Berliner Jungs haben ihre Instrumente mitgebracht und spielen zum Tanz auf. Ein schneidiger Berliner geht auf ein Marijellchen zu. „Na, Fröleinchen, tanzen se Jazz“ schüchtern antwortet das ostpreußische Mädchen: „Na jazz nich, aber später“.


Ein kleiner Witz, der aber deutlich macht, worum es heute geht. Die Ernte ist einfahren und dann wird gefeiert. In Stuttgart auf dem Cannstatter Wasen, in München auf der Wiesn, in Hamburg auf dem Heilig-Geist-Feld. Alles ostpreußische Tenne, alles Erntefeste. Und in den Kirchen landauf- landab dasselbe. Die Altäre brechen fast zusammen unter der Last der Kürbisse und der Garben, der Kartoffeln – und mancherorts werden auch Industriegüter und Schulabschlüsse dazu gepackt. Dank für alles, was im zurückliegenden Jahr erreicht, geschaffen und geschafft wurde.


Manche stehen dieser Tradition kritisch gegenüber. „Ich habe mir alles hart erarbeitet“, sagen sie. Aber sie vergessen eines: Die wichtigsten Dinge im Leben bekommt man geschenkt. Und: Dankbarkeit ist Denkarbeit. Jeden Abend 5 Minuten, um nachzudenken, was mir heute geschenkt wurde. Liebe, Menschen, vielleicht auch Materielles oder Erfolg.


Lothar Zenetti hat die Dankbarkeit einmal so in Worte gefasst:


Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert

für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,

die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen,

für den Schnee und den Wind, den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge,

für die Luft, die wir geatmet haben, und den Blick auf die Sterne

und für all die Tage, die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen;

bitte die Rechnung.

Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:

Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht,

soweit die Erde reicht:

Es war mir ein Vergnügen!

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