エピソード

  • #18 – Drachenfels, Dekrete und Diesel-Deadlines – Im Nebel zwischen Nibelungensage und »Lake America«
    2026/08/30

    Ausnahmsweise treffen sich Nico und Sebastian nicht am Freitagabend, sondern am Sonntagvormittag – diverse Termine und Verpflichtungen hatten die Aufnahme verschoben. Nach einem Merchandising-Schwank (T-Shirt mit dem Nebelmeer-Cover? Erst klären, ob Caspar David Friedrichs Bildrechte das erlauben) beschreibt Nico ein Selfie, das ihm Sebastian geschickt hat: zwei Wanderer vor einem regnerisch-nebligen Rhein. Der Anblick erinnert ihn an einen Text, den Elke Heidenreich kürzlich in der NZZ über das Rhein-Niedrigwasser veröffentlicht hat – ein persönlicher, um Trost kreisender Text, den Nico auszugsweise zitiert. Von dort führt die Brücke zur eigentlichen Geschichte hinter dem Foto.

    Sebastian war mit Simon, einem Freund aus gemeinsamen Münsteraner Studientagen, im Siebengebirge unterwegs: hinauf zum Drachenfels, vorbei an Zahnradbahn, Eselspfad und einer überfüllten Sonnenterrasse, auf der eine Waffel binnen Minuten in Starkregen ertrinkt. Zwischen der Etymologie des Namens Siebengebirge, der textlich unbelegten Nibelungensage um Siegfried und den Drachen und dem Umstand, dass der brüchige, mit Betonankern gesicherte Fels einst als Steinbruch für den Kölner Dom diente, entfaltet sich ein kleiner Kulturgeschichts-Exkurs zwischen Wanderung und Wetterkapriolen. Ein Vergleich mit dem eintönigeren Sauerländer Fichtenwald schließt sich an, bevor eine zweite Anekdote folgt: Bei Sebastians Firmensommerfest in Frankfurt ließ sich ein Karikaturist aus Köln einfliegen – für 1800 Euro an jenem Abend porträtierte er das zwölfköpfige Team, ohne dass sich jemand wiedererkannte.

    Von der Karikatur ist es nur ein kurzer Sprung zu Donald Trump, der sich – wie Nico anmerkt – selbst kaum noch karikieren lässt: Per Dekret hat er den Ontario-See in »Lake America« umbenannt, mit der Begründung, die tiefsten und wasserreichsten Stellen lägen auf amerikanischem Gebiet. Nico und Sebastian rechnen nach – tatsächlich liegen rund 53 Prozent der Fläche auf kanadischer Seite – und wandern über das winzige Dresden am Seneca Lake, benannt von deutschen Auswanderern und Geburtsort des Freidenkers Robert Green Ingersoll, zur Frage, wie weit kulturelle Relativierung reicht: Ausgangspunkt ist eine Anekdote aus einem Interview mit dem Pirahã-Erforscher Daniel Everett, das Nico kürzlich gehört hat. Die eigentliche Volte kommt mit einer Nachricht vom Freitag: Norwegens König Harald V. ist gestorben, sein Sohn regiert fortan als Håkon VIII. – ein Name, der sich, anders als Charles zu Karl, mangels gemeinsamer lateinischer Wurzel nicht übersetzen lässt. Von dort ist der Bogen zur gendersensiblen Sprache nicht weit: Ist »Mitarbeitende« nicht Trumps Umbenennungswahn im Kleinen? Eine Debatte über Monarchie, gewählte Staatsoberhäupter und das Schloss Bellevue als getarnten Monarchie-Ersatz schließt sich an.

    Zum Ausklang geht es ins Bonner Haus der Geschichte, dessen neue Dauerausstellung unter anderem einen Ausweis aus dem Parlamentarischen Rat zeigt – und an die vier »Mütter des Grundgesetzes« erinnert, die 1949 durchsetzten, dass explizit »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« im Grundgesetz steht. Ein Dalí-Zitat, freier Museumseintritt in Deutschland wie in London und eine Tankstellen-Anekdote – Sebastian tankt im buchstäblich letzten Moment vor der mittäglichen Preiserhöhung – runden die Episode ab, bevor eine alltagsnahe Erklärung zu Strompreisen und Windkraft-Überkapazitäten den Nebel endgültig lichtet. Zum Schluss ein Nachklapp: Bei den Deutschhausaufgaben der Tochter taucht ein arg in die Jahre gekommenes Arbeitsblatt mit stereotyper Bildsprache auf.

    Aufnahmedatum: 30. August 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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  • #17 – Klangwechsel und Dialektik der Abkühlung – Ein Nebelsommer zwischen Halberstadt und Hitzewelle
    2026/08/16

    Sebastian kommt zu spät – vom Ballett, versteht sich, denn Gelenkigkeit kennt kein Alter, findet er trotz mahnender Fast-47-Jahre-Warnung. Allein: Es war die Tochter, die sich als Ballerina in Szene setzte. Aus der Verspätung wird nahtlos ein Rückgriff auf die letzte Episode: Nico knüpft an das Thema Lebenszeit und Weltzeit an und führt mit dem 17. Klangwechsel von John Cages Orgelstück ORGAN²/ASLSP in der Halberstädter Burchardikirche – 639 Jahre Spieldauer, Ende terminiert auf 2640 – gleich zum nächsten Gedankenexperiment: Ist ein »Final Ticket« für 2.640 Euro, vererbbar an Urenkel, seriöse Kunstförderung oder Schneeballsystem? Und ist überhaupt Kunst, was sich der menschlichen Wahrnehmung entzieht – ein über Jahrhunderte gedehnter Ton, ein unsichtbares Nanokunstwerk? Mit Nelson Goodman und der Frage »Wann ist Kunst?« wird daraus eine handfeste ästhetische Streitfrage, die folgerichtig bei der Mona Lisa landet: relativ klein, 1911 zwei Jahre lang unterm Bett des Diebes versteckt, und die Frage, ob ein roter Wagen im Dunkeln noch rot ist.

    Von der Kunst geht es zum Klima: Der Hitzesommer 2026 hat ausgetrocknete Bäche und freigelegte Römerfunde im Flussbett hinterlassen. Klimahistoriker Christian Pfister von der Universität Bern stellt die Dürre in eine Reihe mit der »Jahrtausenddürre« von 1540 und zwanzig vergleichbaren Ereignissen zwischen 1304 und 1719. Nico und Sebastian diskutieren, wie belastbar solche historischen Vergleiche überhaupt sind. Im eigenen Garten wird nicht mehr gegossen, Survival of the Fittest für Rispenhortensien und Feigenbäume, während der Historiker Jan-Eike Dunkhase in seinem Buch »Kühle neue Welt« vom Schneekonsum am Hof Neros bis zu heutigen KI-Rechenzentren die »Dialektik der Abkühlung« beschreibt: Jede Kühlung erzeugt neue Wärme. Der britische Eisexport ins koloniale Indien liefert dazu die absurdeste Fußnote der Episode.

    Die Eisfrage führt unweigerlich zum Spaghetti-Eis, Nicos heimlichem Lieblingseis, dessen Erfindungsgeschichte – Mannheim, 1969, Spätzlepresse – ebenso zur Sprache kommt wie die stille Portionsgrößen-Manipulation der Gastronomie. Von dort geht es, völlig zwanglos, zu einer Attraktivitätsstudie über deutsche Wahlkandidaten: FDP vorn, AfD ohne messbaren Attraktivitätseffekt, dazwischen ein Streifzug von Abraham Lincoln bis John F. Kennedy durch die Ästhetisierung der amerikanischen Präsidentschaft. Die Debatte über Wahlversprechen und Kompromisszwang in der Demokratie mündet über das trockengefallene Donaubett in Budapest – Partyzone statt Fluss, Musiker auf der sinkenden Titanic – zurück zum großen roten Faden der Episode: Der Klimawandel als eigenes John-Cage-Stück, dessen einzelne Töne sich erst nach Jahrzehnten zu einer hörbaren Melodie fügen. Zwischen Flugscham, E-Auto-Skepsis und der Frage, ob Verzicht Urlaub zum Luxusgut macht, verordnet sich der Podcast selbst eine kleine Klimamaßnahme: 64 Kilobit, Mono – der erste nachhaltige Nebelmeer-Ton. Zum Ausklang gibt es noch Ärger über Pizzakartons, Coffee-to-go-Becher und die Frage, ob Podcaster die Welt retten können.

    Aufnahmedatum: 14. August 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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  • #16 – Zwischen Eintagsmensch und Ewigkeit – Gedankenexperimente im Nebel der Lebens- und Weltzeiten
    2026/08/02

    Der Juli verabschiedet sich, und mit ihm die Erleichterung, dass Sebastians Frankreichurlaub den grassierenden Waldbränden nur knapp entging: die Bretagne lag zum Glück zu weit im Norden für die Feuersbrünste um Bordeaux. Nach einem kurzen Wetterabgleich (Platzregen hier, anhaltende Dürre dort) lösen Nico und Sebastian den vor zwei Wochen ausgesprochenen WM-Finaltipp auf: Spanien gewinnt 1:0 gegen Argentinien, wovon beide selbst kaum mehr wissen als das nackte Ergebnis.

    Den eigentlichen Anlass für ein persönliches Wiedersehen liefert ein Erbstück: 26 in Leder gebundene, goldschnittverzierte Bände der Brockhaus-Enzyklopädie, die Sebastians Mutter beim Wohnungsauszug loswerden möchte und die Nico dankbar – und mit einigem Stolz auf seinen neu gewonnenen Rang in der familiären Erb-Hierarchie – entgegennimmt. Der gedruckte Brockhaus als Träger »verlorenen, unwiederbringlichen Wissens« wird zum Sprungbrett für das eigentliche Thema der Episode: die menschliche Zeiterfahrung.

    Ausgehend von Hans Blumenbergs Buch »Lebenszeit und Weltzeit« und einem 1860 gehaltenen Vortrag des Naturforschers Karl Ernst von Baer entfalten Nico und Sebastian ein ausuferndes Gedankenexperiment: Was, wenn ein Menschenleben nur einen Monat dauerte oder, umgekehrt, eine Million Jahre? Von Baers Überlegungen zu Mondphasen als apokalyptischem Schrecken, zum Pulsschlag als Jahresmaß und zur Sonne als nächtlichem Meteorstreif führen zu eigenen Volten: Würde sich ein Millionenjahre-Mensch noch ein Ferienhaus auf Mallorca zulegen, wenn unter ihm die Erdplatten wandern? Ginge er pfleglicher mit dem Planeten um oder gerade rücksichtsloser, weil ihm ohnehin alle Zeit der Welt bliebe?

    Die beiden wandern von Michael Endes »Momo« über die Frage nach Gott und Unendlichkeit zu der These, dass die heutige Generation sich dank medialer Verdichtung – Social Media, Nachrichtenzyklen, endlose Kurzvideos – subjektiv mehr Welt aneignet als frühere, trotz historisch hoher Lebenserwartung. Ein Zitat aus der F.A.Z. über Waldbrände mit der »Sprengkraft einer Atombombe« und ein NZZ-Bericht über Anthony Faucis eisernes Schweigen vor dem US-Senat dienen als Realitätsanker für die Frage, ob ein tausendjähriges Leben mehr Verantwortungsbewusstsein bedeuten würde oder eher grenzenlose Umweltsünde. Ein imaginärer Tyrannosaurus, der aus dem Jenseits auf die hektische Menschheit herabblickt, liefert die passende Portion Selbstironie.

    Zum Ausklang führen LUCA, der gemeinsame Ursprung allen Lebens, ein Nachklang des einstigen Wal-Themas Timmy – diesmal in Gestalt einer neuen, quicklebendigen Sichtung in der Kieler und Flensburger Förde – sowie ein Zitat aus einem Podcast mit dem Benediktiner Anselm Grün das Gespräch zu seinem eigentlichen Kern zurück: der Notwendigkeit von Hoffnung, ganz gleich, ob einem ein Tag oder eine Million Jahre zur Verfügung stehen.

    Aufnahmedatum: 31. Juli 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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  • #15 – Baguettes, Bretonen und blaues Glas – Sebastians Sommer im Nebel der Klischees
    2026/07/19

    Vier Wochen Sommerpause liegen hinter Nico und Sebastian, und zum Auftakt der 15. Episode wird zunächst Bilanz gezogen: Die drei Prophezeiungen der letzten Sendung – Sebastians Bräune, die Hitzewelle und ein feststehender Fußballweltmeister – treffen fast vollständig ein. Den Löwenanteil der Episode bestreitet danach Sebastians ausführlicher Bericht seines zweiwöchigen Frankreich-Urlaubs mit der Familie, den Nico anhand mitgeschickter Fotos und Sprachnachrichten quasi live rekonstruieren konnte.

    Die Hinfahrt führt über Saarbrücken, wo Nico sich an Fernsehbilder vom Tschernobyl-Jahrestag erinnert, in denen die deutsch-französische Grenze demonstrativ durchlässig wirkte – ein Kontrast zu den neuen, unter Verkehrsminister Dobrindt eingeführten Grenzkontrollen, die Sebastian auf der Rückfahrt erlebt. Über Lothringen und die Champagne, vorbei an endlosen, dünn besiedelten Agrarflächen, geht es zum ersten Zwischenstopp Paris, wo Henry Millers und Gustave Eiffels frühere Wohnadresse in Clichy zur Sprache kommen, bevor das klassische Touristenprogramm folgt: Eiffelturm samt Guy-de-Maupassant-Anekdote, die Kuppel der Galeries Lafayette und ein Fünf-Schlüsselanhänger-für-einen-Euro-Schnäppchen.

    Von dort geht die Reise weiter in die Bretagne, wo Sebastian sich zunehmend an der französischen Lebensart reibt: am Nationalstolz auf jeder Lebensmittelverpackung, an der Zigarettenkultur und an postkolonialen Fußnoten von Martinique bis Neukaledonien samt der Wortgeschichte des Begriffs »Kanak«. In Concarneau, einer Hafenstadt mit Vauban-Festung und bretonisch-keltischen Sprachspuren, wird ein Ferienhaus mit Kletterwand und Heimkino bezogen – und am Strand eine mutmaßlich außerirdische Qualle sowie ein verdächtig fußförmiger Steinklumpen entdeckt, ein später, augenzwinkernder Nachhall des einstigen Wal-Themas Timmy.

    Auf dem Rückweg besucht man Chartres und Reims: die Kathedrale von Chartres mit ihrem legendären, aus Erzgebirgs-Kobalt gewonnenen Blauglas, und die Krönungskathedrale von Reims, wo eine zweisprachige Gedenktafel an die deutsch-französische Aussöhnung durch de Gaulle und Adenauer erinnert – just an dem Tag, an dem sich auch Merz und Macron treffen. Zum Ausklang diskutieren Nico und Sebastian, ob und warum Sprachen unterschiedlich schön klingen, warum der Subjonctif Nicos größter Feind bleibt und ob Übersetzungs-Apps das Sprachenlernen überflüssig machen. Ein Verwechslungs-Gag um Jean-Paul Sartre und Chartres, ein Tipp fürs WM-Finale – aus Sympathie für den Außenseiter fällt er auf Spanien statt Argentinien – und die Rückkehr in den gekühlten Podcast-Keller beschließen die erste Episode nach der Sommerpause.

    Aufnahmedatum: 17. Juli 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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  • #14 – Vom Latrinensturz zur Reerdigung – Ein Nebeltag zwischen Mittelalter, MMA, Milliarden und Muttererde
    2026/06/21

    Ein Freitagabend bei 34 Grad, und Sebastian lässt auf sich warten – mit kalten Füßen, während draußen die Hitzewelle über das Land rollt. Erst geht es um Abholzentren bei Rewe, Photovoltaik-Drohnen und ein Blockheizkraftwerk, das munter russisches (?) Gas verbrennt. Dann driften Nico und Sebastian über (noch!) KI-generierte Lavendelfelder bei Erfurt in den Genitiv Erfurts ab – und von dort, fast zwangsläufig, in den Erfurter Latrinensturz von 1184: ein Hoftag, bei dem der Boden unter etlichen Fürsten und Bischöfen buchstäblich nachgab und viele in der Latrine ertranken oder erstickten. Ein Abstecher zum Wormser Konkordat und Luthers Ketzerprozess rundet den mittelalterlichen Exkurs ab.

    Von dort schlägt Nico den Bogen – »eine sehr krude Überleitung«, wie er selbst zugibt – zu einem modernen Hoftag: dem Käfigkampf-Spektakel, das Donald Trump zu seinem 80. Geburtstag und dem 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung auf dem Südrasen des Weißen Hauses veranstalten ließ. Fünf Stunden UFC-Kämpfe, 60 Millionen Dollar Kosten, ein Kämpfer, der Trump dankt, er habe »die Eier, sowas zu machen«, und der Indian Treaty Room als Umkleidekabine. Nico und Sebastian diskutieren, ob sich darin die konsequente Ästhetisierung einer ganzen Präsidentschaft verdichtet.

    Der zweite große Block gehört Elon Musk, der in dieser Woche zum ersten Billionär der Menschheitsgeschichte wurde. Nico hat recherchiert, was das bedeutet: ein Geldturm von 1000 Kilometern Höhe in 100-Dollar-Scheinen und ein Vermögen, das trotzdem nicht reicht, um die deutschen Staatsschulden zu begleichen. Ein NZZ-Artikel liefert den historischen Vergleich: Jakob Fugger, der zeitweise zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Heiligen Römischen Reichs kontrollierte, Mansa Musa, der auf einer Pilgerreise Ägypten in eine Währungskrise stürzte, und Hatschepsut, deren Reich schätzungsweise zwanzig Prozent des damaligen Welt-BIP erwirtschaftete.

    Die Fußball-WM liefert das nächste Thema: Deutschlands 7:1 gegen Curaçao und die Frage, ob ein Familienabend auch mit MMA-Kämpfen funktionieren würde (eher nicht). Dann die Ankündigung: Nico und Sebastian gönnen sich eine Episode Sommerpause.

    Bevor es soweit ist, hat Timmy der Wal noch ein letztes, postmortales Kapitel: Eine DNA-Analyse hat ergeben, dass der gestrandete Buckelwal eigentlich ein Weibchen war – Anlass für eine bitterböse Pointe über Misgendering und die Frage, was Sprache eigentlich mit Realität macht. Genau diese Frage führt zu performativen Sprechakten: Trump verkündet eine Kooperation zwischen Apple und Intel, und der Börsenkurs steigt um neun Prozent, und zwar nur weil einer etwas gesagt hat. Die Parallelen reichen von der Transsubstantiation über die Taufe bis zum Gerichtsurteil, garniert mit einem Gedankenexperiment: Was passiert mit dem Goldpreis, wenn ein Goldasteroid auf die Erde fällt?

    Den Schluss bildet ein Doppelpack über Sprache und Schamgrenzen: erst der aktuelle Bußgeldkatalog fürs Beleidigen (»dumme Kuh!«, »Idiot!«, »fieses Miststück!« – alles hat seinen Preis), poliert mit den schönsten Beleidigungen der Geistesgeschichte von Thomas Bernhard über Schopenhauer bis Karl Kraus. Dann der Gegentrend: ein NZZ-Artikel über Euphemismen im medizinischen Sprachgebrauch, vom »Rückfall« als »Konsumereignis« bis zum Patienten, der zum Klienten wird, und der Fat-Acceptance-Bewegung, die sich das Wort »fett« zurückerobern will. Steven Pinkers Euphemismus-Tretmühle liefert die Theorie dazu. Zum Ausklang geht es noch um explodierende Festplattenpreise wegen KI-Rechenzentren, die siebzehn seltenen Erden und die »Reerdigung« – eine neue, kirchlich anerkannte Bestattungsform, bei der aus Menschen in zwei Wochen Muttererde wird.

    Aufnahmedatum: 19. Juni 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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    1 時間 28 分
  • #13 – Von Seerosen, Sechzehntelfinale und Selbstbewusstsein – Wenn der Nebel exponentiell dichter wird
    2026/06/07

    Fronleichnam, 4. Juni 2026. Weil der übliche Aufnahme-Freitag durch familiäre Verpflichtungen Sebastians geblockt wird, weichen Nico und Sebastian auf den Donnerstag aus und steigen feiertagskonform mit Liturgiegeschichte ein: Das Fronleichnamsfest geht auf die Mystikerin Juliane von Lüttich zurück, die in Visionen einen »eingeschnappten Christus« sah, der die mangelnde Verehrung der Eucharistie beklagte, und wurde 1264 von Papst Urban IV. für die gesamte Kirche verbindlich gemacht.

    Dann: IKEA. Sebastian hat ein Hochbett für die Jüngste zusammengebaut (Modell Småstad, noch nicht ganz fertig) und neue Gläser für die Familie gekauft – 59 Cent das Stück, hergestellt in Bulgarien. Das führt, über Murano-Glas und den roten Familien-Besteckkoffer, zur ersten großen Frage des Abends: Was macht etwas eigentlich besonders – das Objekt selbst oder die Geschichte, die man darüber erzählt?

    Nico berichtet von einem Post auf X: Jemand hat ein echtes Seerosen-Gemälde Monets hochgeladen und dazu kommentiert, es sei mit KI erstellt worden. Die Reaktionen der Follower waren vernichtend. »Der Algenbrei im Hintergrund ist erschreckend vage. Typisch KI-Kunst.« Viele löschten ihre Kommentare, als das Original identifiziert wurde. Der »Effort heuristic« (Kruger, 2004) erklärt: Menschen bewerten Kunst höher, wenn sie glauben, ihre Entstehung war aufwändiger. Eine »Nature«-Studie von 2024 zeigt: Sobald man weiß, es handelt sich um KI-Kunst, kehrt sich die Präferenz um. Was beurteilt wird, ist nicht das Bild, sondern die Kategorie. Das führt zu Walter Benjamins Begriff der Aura, zu Hape Kerkelings »Hurz« als Spiegelfall, und zur Frage, ob der Prompter der eigentliche Kreative des KI-Zeitalters ist und der Mensch zum »promptenden Wesen« wird.

    Sebastian testet das live: Er lässt ChatGPT zweimal denselben Seerosenteich erstellen: die Ergebnisse sind vollständig verschieden. Dann wird auf Nicos Bitte ein Buckelwal in den Teich integriert, stilistisch perfekt eingefügt, ohne dass irgendjemand das so verlangt hätte. Ist das Kreativität? Oder zufällige Neuanordnung von Wahrscheinlichkeiten wie bei Monet, der mit dem linken oder rechten Bein aufgestanden ist?

    Nico bringt Geoffrey Hinton ins Gespräch: Der Nobelpreisträger von 2024 und Mitbegründer des modernen Machine Learning spricht in einem Interview von vier Kränkungen der Menschheit – Kopernikus, Darwin, Freud und nun die KI als vierte. Er glaubt, KI könnte mittlerweile ein Selbstbewusstsein entwickeln. Was bleibt vom Menschen, wenn Sprache nicht mehr sein Alleinstellungsmerkmal ist?

    Zwischendurch: Timmys Kadaver wurde per DNA-Analyse vor der dänischen Insel Anholt bestätigt. Meeresbiologe Fabian Ritter warnt: »Höchste Explosionsgefahr! Der Kehlsack ist ballonartig aufgebläht.« Doch das mediale Interesse ist fast verschwunden. Timmy lebendig war Medienereignis; Timmy tot ist Wissenschaft. Wie ein Gemälde, auf dem plötzlich »KI« steht.

    Den Abschluss macht die in einer Woche startende Fussball-WM 2026: Deutschlands Auftaktgegner Curaçao ist die kleinste WM-Nation der Geschichte – 150.000 Einwohner, Profifußballer größtenteils aus den Niederlanden. Das Turnier wächst auf 48 Nationen, 104 Spiele in 39 Tagen; wenn alle Kriterien versagen, entscheidet das Los: »Wir sind alle zweite Sieger.« Und der exponentiell dichter werdende Nebel? Geoffrey Hinton sagt: Zehn Jahre in die Zukunft blicken kann niemand; der Nebel ist viel zu dick. Nico möchte Hinton in den Podcast einladen. Notfalls auch Lanz und Precht.

    Aufnahmedatum: 4. Juni 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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    1 時間 28 分
  • #12 – Außerirdische, Ahnen und Aufgepumpte – Im Nebel zwischen Kosmos, Karteikarten und Transhumanisten
    2026/05/24

    Es ist ein warmer Maiabend. Nico hat sich kurz vor der Aufnahme an einem Schluck Wasser verschluckt, seine Personenwaage steht demonstrativ im Bildhintergrund, und Sebastian stellt trocken fest: Der Co-Host ergraut. Ein guter Einstieg für ein Gespräch, das sich von der kleinsten Zahl auf der Waage bis zu den fernsten Ecken des Universums erstreckt.

    Den ersten großen Schwenk liefern Trumps freigegebene UFO-Akten: Ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter behauptet in einem Interview, Außerirdische seien längst unter uns – und hätten sich mit Menschen gepaart! Nico und Sebastian nehmen den Faden auf. Gibt es außerirdisches Leben? Wahrscheinlich ja, sofern man die Größe des Universums ernst nimmt. Aber was ist »Leben«? Was, wenn Außerirdische in einer anderen Dimension existieren: zu klein, zu groß, zu schnell für unsere Wahrnehmung? Sebastians Schwester hat einmal beobachtet, wie merkwürdig es von außen aussehen muss, wenn 80 Millionen Menschen abends gleichzeitig bewusstlos in Häusern liegen, mit Schlössern gesichert, weil sie Angst haben, diese Zeit nicht heil zu überstehen. Vielleicht, so Nico, sind wir schlicht die Eintagsfliegen des Universums, beobachtet von einem Wesen, das Millionen Jahre als einen einzigen Tag erlebt. Erich von Däniken taucht auf, LUCA (Last Universal Common Ancestor) auch, und irgendwo in der Mitte zieht Nico die Parallele: Über Außerirdische spekulieren ist nicht anders als über Gott spekulieren.

    Dann kommt der Ahnenpass. Sebastian hat Nico vor einigen Tagen mitgeteilt, was er in der neuen NSDAP-Datenbank von Spiegel und ZEIT gefunden hat: drei Vorfahren, KI-ausgewertet aus 16 Millionen digitalisierten Karteikarten des US-Nationalarchivs. Nico besitzt sogar einen physischen Ahnenpass – Reichsadler, Hakenkreuz, blanko zum Selbstausfüllen –, darin eine Ehe von 1720 aus der Propsteikirche zu Bochum und einen Stammbaum, den sein Großvater bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgt hat. Was macht man mit solchen Entdeckungen? Wer trägt historische Verantwortung, und wie weit zurück? Rousseaus Zaun, Raubkunst, die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches und die Frage, ob man wirklich bis zu LUCA zurückgehen kann, um Erbansprüche geltend zu machen.

    Der gestrandete Buckelwal Timmy liefert das nächste Kapitel: Über eine Million Euro investiert, die Wissenschaft war sich einig (verenden lassen), aber man hörte auf Aktivisten statt auf Experten. Till Backhaus (Umweltminister Mecklenburg-Vorpommern): »Ich war elfmal am Wal. Wer einmal einem Wal in die Augen geschaut hat, ist ein anderer Mensch.« Unterdessen sterben jährlich 300.000 Delfine in Schleppnetzen, und zwar ganz ohne Medienecho. Emotionspolitik, Medienwirksamkeit – und Star Trek IV, in dem die Enterprise Wale aus der Vergangenheit einfängt, um die Erde zu retten.

    Zum Abschluss: die Enhanced Games, die am 25. Mai in Las Vegas starten. Doping explizit erlaubt. 42 Athleten, finanziert von Peter Thiel und Trump Jr., eigentlich Werbung für einen Online-Shop mit Testosteron, Peptiden und Wachstumshormonen. Wo endet das Medikament, wo beginnt das Doping? Pharmakon, auf Altgriechisch: Heilmittel und Gift in einem Wort. Der Transhumanismus feiert hier seinen Sporttag. Beuys und Ballett beschließen die Runde.

    Aufnahmedatum: 22. Mai 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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  • #11 – Gefälschte Erinnerungen, echte Gefühle – Im Nebel zwischen KI-Fotos und Urinbecken
    2026/05/10

    Eine Episode voller Umwege, die alle irgendwo zusammenlaufen – beim Bild, beim Schein und beim leisen Verdacht, dass das alles so nicht gewesen sein kann.

    Sebastian ist in einer Midlife-Crisis, hat gerade eine Fürbitte für die Konfirmationsfeier seiner Nichte formuliert und hadert mit seiner Kirchenmitgliedschaft. Nico nutzt den Moment, um nachzufragen: Ist Sinnkrise plus Radikalisierungsphase dasselbe wie eine Minderheitsregierung im eigenen Leben? Dann geht es sofort zur Sache.

    Sebastian hat für ein Konfirmationsgeschenk KI-Bilder von Familienmitgliedern erstellt. Zwei Kinder, die sich nie gemeinsam auf oder neben einem Pferd befanden, befinden sich jetzt auf ein und demselben Foto gemeinsam auf und neben einem Pferd. Und eine Leine ist auf einmal nicht echt. Nico zieht Henning Ritters Notizhefte heran: »Die eine Erinnerung geht immer auf Kosten der anderen. Eingebildete Erinnerungen können echte verdrängen.« Und genau das, sagt Nico, tut Sebastian hier: er tauscht unwirkliche gegen wertvolle Erinnerungen aus. Zumindest der Sache nach. Das führt zu Peter Sloterdijks Diagnose einer »Bilder-Pandemie«, zur Frage, ob man auf 33.673 Fotos wirklich je zurückblicken wird, und zur Lust am alten 24er-Film, der einen zur Entscheidung zwang.

    Der zweite große Themenblock ist die Biennale in Venedig, ausgelöst durch einen FAZ-Artikel, der Nico nicht loslässt. Im österreichischen Pavillon schwingt eine nackte Performancekünstlerin als menschlicher Glockenklöppel artistisch hin und her. Eine andere dreht auf einem Jetski in einem gefluteten Raum ihre Runden – natürlich gegen den Klimawandel. Und im Herzstück des Pavillons verbringt je eine nackte Performerin täglich acht Stunden in einem Becken, das mit dem Urin Venedigs gespeist wird. Nico und Sebastian diskutieren, ob das Kunst ist, ob es Provokation sein kann, wenn alles Provokation ist, ob die Biennale Aktivismus braucht oder Können, und was Josef Beuys wohl gesagt hätte, wenn er am Rand dieses Beckens gestanden und einem toten Hasen die Biennale erklärt hätte. Der deutsche Pavillon mit der posthum gezeigten Arbeit der mit 40 Jahren verstorbenen Henrike Naumann über DDR-Ästhetik wirkt dagegen fast still. Und am Ende zieht Nico eine überraschende Kurve: Vielleicht wird der nackte Körper im Urin in zwanzig Jahren genau das sein, was die Biennale schon immer war, nämlich der letzte Zufluchtsort des Handgemachten in einer vollständig algorithmisierten Welt.

    Dazwischen: Das Ende der Parteiideologien (»nur noch Wählvereine«), die neue Spiegel- und ZEIT-Datenbank zu NSDAP-Mitgliedern, der Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff, die Geschichte des Namens (Fluss Hantan, Koreakrieg), König Charles' Glockengeschenk an Trump und die 35.000 US-Soldaten in Deutschland. Am Ende: Timmy der Wal – vermutlich tot, der GPS-Sender stumm. Und David Attenborough wird 100. Herzlichen Glückwunsch!

    Zum Abschluss: der 8. Mai, Richard von Weizsäcker und das Wort »Befreiung«.

    Aufnahmedatum: 8. Mai 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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