Strassen, Plätze und öffentliche Freiräume sind in dichten urbanen Zentren die augenfälligsten Orte, an denen widersprüchliche, zuweilen konflikthafte Nutzungen, Interessen und Wertvorstellungen öffentlich kollidieren – politische Situationen, die sich als «Wicked Problems» (Rittel) zeigen und für die es keine eindeutigen Lösungsmöglichkeiten gibt. Eine neue Planungskultur setzt nicht mehr auf einfache Antworten, sondern auf Prozesse des Aushandelns, Experimentierens und Lernens. Freiräume werden dabei selbst zu 1:1 Modellen urbaner Transformation: Sie machen heterogene Motive und Akteur:innen sichtbar und verändern, welche Wissensformen und welche neuen Governance-Modelle eine Kultur «lernender Planung» von Eigentümer:innen und Verwaltungen erfordern. Diese Episode bringt zwei exemplarische Freiraumentwicklungen in den Dialog, die auf unterschiedliche Weise zu Lernorten einer neuen Planungskultur geworden sind: Die Schützenmatte in Bern – Altstadtparkplatz, Skatertreff, autonomes Kulturzentrum, Drogenszene, Hitzeinsel: ein zentraler, hochgradig politischer Stadtraum, der exemplarisch für die widersprüchlichen Anforderungen an öffentliche Räume steht. Durch zahlreiche gescheiterte Planungsanläufe über Jahrzehnte blockiert, wurde der Ort ab 2012 über einen ergebnisoffenen Prozess neu erschlossen. Ausgehend von der Schützenmatte vollzog die Stadt Bern einen strategischen Kurswechsel: An die Stelle klassischer Lösungslogiken treten Dialogformate, Testnutzungen und Pionierprojekte im Massstab 1:1. Teile von Tiefbau Stadt Bern verstehen sich heute bewusst als «lernende Verwaltung» mit einer offenen Fehlerkultur. Der Gleisbogen Dreispitz in Basel, ein stillgelegtes Gleisfeld auf dem 50 Hektar grossen Dreispitz-Areal der Christoph Merian Stiftung, das nicht nur die Frage aufwirft, wie man Gleisfelder als Freiräume entwickelt, sondern wie sich Planungsprozesse ändern müssen, wenn grosse Planungswürfe an räumlich und zeitlich fragmentierten Bedingungen scheitern, der Grossteil des Areals noch als Logistik- und Gewerbeareal in Betrieb ist, Klimaveränderungen zu Hitzebelastungen führen und Fragen der Biodiversität und des Planungsrechts aufeinandertreffen. Das Studio Gleisbogen, eine Dialogplattform von Denkstatt sàrl, vernetzte Eigentümerschaft, Nutzer:innen und Planende über vier Jahre (2020–2024) und mündete in die Gründung des Vereins Studio Dreispitz als dauerhafte Dialogstruktur zwischen Nutzung und Planung am Ort. Judit Solt (espazium) und Lena Wolfart (ehem. Denkstatt sàrl) sprechen mit Nadine Heller (Tiefbau Stadt Bern, Bereich Gestaltung + Nutzung; ZORA – Zentrum öffentlicher Raum), Walter Schenkel (Synergo), Nico Scholer (ehem. Co-Projektleiter CMS) und Vedrana Zalac (Denkstatt sàrl) über Freiräume als Lernräume urbaner Transformation. Wie gelingt es, politisierte Blockaden über ergebnisoffene Prozesse aufzulösen? Was braucht es, damit Verwaltungen den Mut finden, Fehler als Lernbedingungen zuzulassen und in 1:1 Modellen zu testen? Welche Rolle spielen Pioniernutzungen und temporäre Interventionen für das Lernen in Planungsprozessen? Wie entstehen neue Organisationsarchitekturen, wie Vereine, als zivilgesellschaftliche Trägerschaften und Kümmerer-Strukturen, aus dem Prozess selbst? Wohin verschieben sich Aufgabenfelder und Rollenprofile bei Politik, Verwaltungen und Gestalter:innen? Produziert in Zusammenarbeit von Denkstatt, B/IAS und espazium im Rahmen der Carte Blanche XX im Architekturforum Zürich (Dez. 2024 – März 2025). Die Podcast-Gespräche sind Teil eines Forschungsprojektes von B/IAS zu urbanen Lernprozessen. Die Transkripte sind mit DOI versehen, zitierfähig und dauerhaft archiviert. Ben Pohl (B/IAS / Denkstatt sàrl) — Konzeption und Research.
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